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Wahrheit
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Wahrheit ist ein deutsches Wort, das im Grundsatz die Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit bezeichnet.
Wahrheit lässt sich auffassen als
:a) die Übereinstimmung von Aussagen mit Realitäten (adaequatio rei et intellectus)
:b) die auf ein Handlungsziel bezogene verantwortete Interpretation von Realitäten
:c) die Wahrhaftigkeit im zwischenmenschlichen Umgang
:d) eine gesellschaftliche Übereinkunft
Alle vier Aspekte entwickeln eine Vielzahl an Fragestellungen, mit denen sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen. Beispiel: Wann sind Aussagen eindeutig wahr? Lässt sich die Wahrheit annähernd durch ein axiomatisches System wie die Mathematik bestimmen? Gibt es überhaupt so etwas wie Wahrheit?
Aristoteles (384-322 v.u.Z.) und viele mittelalterliche Philosophen sehen in der Wahrheit eine Übereinstimmung von Verstand und Sache: "Wahr ist, von etwas, was ist, zu sagen es sei, und von etwas, was nicht ist, zu sagen es sei nicht." Siehe auch: Klassische Definition der Wahrheit. Die Wahrheit findet sich empirisch, also durch Anschauung und Erfahrung. Beispiel: Die Erde dreht sich um die Sonne. Für diese Wahrheit ist Erfahrung notwendig.
Kant (1724-1804) setzt den Begriff Wahrheit in Zusammenhang mit seiem Begriff vom "a priori" (von früher her) und meint damit Einsichten, deren Richtigkeit von der jeweils persönlichen Erfahrung völlig unabhängig sind, also etwa Form, Raum und Zeit.
Nach Martin Heidegger (1889-1976) ist Wahrheit die "Offenheit des Seins". Dabei bezieht er sich auf das griechische Wort alethea, das wörtlich "Unverborgenheit" bedeutet.
Eine analytische Wahrheit enthält die Eigenschaft im Gegenstand. Beispiel: "Alle Junggesellen sind unverheiratet." Das Substantiv "Jungeselle" bedeutet bereits "unverheiratet".
Demgegenüber sind synthetische Wahrheiten solche, bei denen der Eigenschaftsbegriff nicht in der Gegenstandsbezeichnung enthalten ist, wie beispielsweise in dem Satz: "Alle Junggesellen sind glücklich."
Als notwendige Wahrheiten bezeichnet man Aussagen, deren Verneinung zu einem logischen Widerspruch führen würde: "Alle Kreise sind rund." Wäre der Gegenstand nicht rund, wäre er kein Kreis.
Außerdem gibt es kontingente (zufällige) Wahrheiten, deren Verneinung nicht zu einem logischen Widerspruch führt. Beispiel: "Die Anzahl der Planeten ist gleich neun."
Aritstoteles und zahlreiche mittelalterliche Philosophen rechnet man der Korrespondenz- oder Adäquationstheorie zu. Die Wahrheit besteht ihnen zufolge aus der Übereinstimmung von Verstand und Sache.
Leibnitz (1646-1715) und idealistische Philosophen gehören zu den Vertretern der Kohärenztheorie. Nach ihrer Auffassung besteht die Wahrheit einer Menge von Aussagen darin, dass sie untereinander kohärent, also widerspruchsfrei miteinander vereinbar sind.
Die Evidenztheorie gehört zu René Descartes (1596-1650), Franz Brentano (1838-1917) und Edmund Husserl (1859-1938). Ein Satz ist wahr, wenn er mit einem evidenten Urteil übereinstimmt.
Die Auffassung, wahr sei, was für die Praxis fruchtbar und nützlich ist, entspricht einer pragmatischen Wahrheitstheorie.
Karl-Otto Apel (* 1922) vertritt die Konsenstheorie. Sie besagt, dass eine Aussage dann wahr ist, wenn eine möglicherweise unendlich große Menge von Menschen unter idealen Kommunikationsbedingungen dieser Aussage zustimmen würde.
Frank Plumpton Ramsey (1903-1930) formuliert die Redundanztheorie: Das Wort "wahr" ist überhaupt überflüssig.
Die Performancetheorie wird von Peter Frederick Strawson (* 1919) vertreten. Demnach wird das Wort 'šwahr'˜ performativ im Sinne einer Zustimmung zum Gesagten verwendet.
Alfred Tarski (1902-1983) hat in seinem zuerst auf polnisch erschienenen Aufsatz Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen (1933) die semantische Wahrheitstheorie entwickelt und meint damit die Semantik der Prädikatenlogik. Die Ursache der Lügner-Antinomie (siehe unten) liegt für Tarski in der semantischen Geschlossenheit der Umgangssprache: Die Umgangssprache enthält für jede Aussage einen Namen dieser Aussage. Deshalb kann man für sie keine Definition des Wahrheitsbegriffes angeben, ja diesen nicht einmal widerspruchsfrei verwenden.
Und schließlich ist die Systemtheorie zu nennen. Vor allem in der Nachfolge von Niklas Luhmann (1927-1998) wird Wahrheit als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium aufgefasst. Dabei wird grundlegend zwischen Wissen und Wahrheit unterschieden, was als 'wahres Wissen' zu gelten hat, muss durch ein Beobachten zweiter Ordnung entschieden werden. Dies führt letztlich zu der Paradoxie, dass es wahre Wahrheit und unwahre Wahrheit gibt. Vgl. etwa Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1992, S.167ff.
Seit der der Antike ist das Paradoxon des Epimenides bekannt.
Der Kreter Epimenides sagt: "Alle Kreter sind Lügner."
Wenn der Kreter behauptet, alle Kreter seien Lügner, so muss man annehmen, dass er selbst ebenfalls lügt. Damit jedoch wäre seine Aussage über sich und die Kreter unwahr. Die Wahrheit aber kann er nicht sagen, denn da er Kreter ist, sagt er nicht die Wahrheit über die Kreter. Es entsteht ein unlösbarer Widerspruch.
Allerdings ist dieses Paradoxon nur dann paradox, wenn man annimmt, dass ein Lügner immer lügt, dass also jede Aussage eines Lügners unwahr sei. Und das könnte auch ein noch so versierter Lügner im alltäglichen Leben kaum durchhalten.
Mithilfe eines Lügendetektors kann man heute feststellen, wann ein Mensch lügt. Dabei geht man davon aus, dass die Lüge einen Menschen so unter Stress setzt, dass sein Herzschlag steigt und sich auf seiner Haut Schweiß bildet. Ein hundertprozentiger Beweis ist das nicht, denn ein Mensch kann sich auch aus anderen Gründen in einer Situation aufregen, in der er befragt wird. Anderseits setzt das Lügen manche Leute nicht messbar unter Stress.
Die Verhaltenspsychologie hat zahlreiche Mutmaßungen darüber entwickelt, wie man bei einem Gesprächspartner erkennen kann, ob man angelogen wird. Für die Unwahrheit sprechen geweitete Pupillen, Handbewegungen in Richtung Gesicht, vor allem in Richtung Mund und allgemeine Nervosität. Außerdem verändert sich beim Lügen die Stimme. Die Stimmbänder spannen sich an, die Stimme wird höher und gepresster. Auch das kann man mit Apparaten messen. Doch auch hier gilt, dass ein Mensch aus anderen Gründen nervös wirken mag, oder dass jemand ein so routinierter Lünger ist, dass man ihm nichts anhört oder anmerkt.
Offensichtlich ist es dem Menschen ein dringendes Bedürfnis, die Wahrheit von der Lüge unterscheiden zu können. Und offensichtlich ist die Lösung des Problems noch nicht gefunden. Die meisten Gesellschaften sanktionieren darum die Lüge. Kinder werden meist hart bestraft, wenn sie nicht die Wahrheit sagen. Aus dieser Furcht vor Strafe bei der Lüge mag auch herrühren, dass Menschen für Lügendetektoren taugen, die Stressreaktionen messen.
Die Empfindungen von Wahrheit, zum Beispiel im zwischenmenschlichen Bereich oder bei der Selbstreflexion sind vielschichtig und individuell geprägt: Wahre Begegnung zwischen Menschen, offener Umgang miteinander, echte Selbstoffenbarung führen vielleicht zu dem, was der Schweizer Theologe Emil Brunner einmal mit "Wahrheit als Begegnung" formuliert hat.
| | Wahrheit in der Informationsgesellschaft |
Wirklich schwierig ist die Wahrheit dann festzumachen, wenn sie auf riesigen Datenmengen basiert. Etwa: Was ist der richtige Weg, um die Klimakatastrophe zu verhindern? Zunächst einmal muss festgesstellt werden, ob es überhaupt eine Klimakatastrophe gibt. Einigt man sich darauf, Computerdaten so zu interpretieren, so sieht man sich einem Chaossystem gegenüber, das man bestenfalls in Ausschnitten betrachten kann. Der wahre Lösungsweg ist auf diese Weise niemals einddeutig zu erkennen.
Wahrheit muss dann formal auf eine Wahrscheinlichkeitsaussage reduziert werden.
| | Wahrheit in künstlichen Sprachen |
Für weniger komplizierte - künstliche - Sprachen wie etwa die Prädikatenlogik kann man jedoch einen Wahrheitsbegriff definieren. Die Sprache, für die man den Wahrheitsbegriff definiert, und die damit Gegenstand der Untersuchung ist, nennt man nach Alfred Tarski Objektsprache, die Sprache, in der die Definition formuliert wird, dann Metasprache.
Siehe auch: Faktizität, Fiktionalität, Lüge
» "Über die Wahrheit kann man nicht mit Mehrheit abstimmen."
» "Wirklichkeit und Wahrheit sind im Grunde eins."
» "Wahr ist für uns, was wir nicht länger in Frage stellen können."
» "A: Aber die Fakten sprechen doch dagegen! B: Um so schlimmer für die Fakten!"
» "Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sind die großen Ideen der Menschheit."
» "Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen" (Theodor W. Adorno, Minima Moralia).
» "Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr." - Hermann Hesse, Siddhartha
» Ein guter Rat: "Glaube nichts und niemandem, vor allem mir nicht!"
» "Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben." André Gide
» "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich." (Jesus Christus, Joh. 14,6 zit. nach der Neue-Welt-Übersetzung der Bibel)
» "Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner [...] Dieses Zeugnis ist wahr." (Titusbrief 1,12f in der Bibel)
» Was bildet ihr euch ein, dass ihr alle Wahrheit in Verwahrung habt? Es lässt sich auf allen Seiten gar vieles sagen. - Ralph Waldo Emerson (aus dem Essay: Montaigne oder der Skeptiker)
» Die Wahrheit liegt meist in der Mitte. (Und ohne Gedenkstein.), Stanislaw Lec
» Je weicher die Wahrheit, desto steifer der Standpunkt., Stanislaw Lec
» Deku, Henry: Wahrheit und Unwahrheit der Tradition, Erzabtei St. Ottilien 1986
» Pieper, Josef: Wahrheit der Dinge, Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters, München 1947
» Thomas von Aquin: Von der Wahrheit (De veritate, Quaestio I), Lateinisch - Deutsch, ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Albert Zimmermann, Hamburg 1986#
» Karl Jaspers: Von der Wahrheit
» http://www.schmidt-salomon.de/wahrheit.htm
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